Ein Weinberg ist keine pflegeleichte Angelegenheit. Echter und Falscher Mehltau setzen der europäischen Weinrebe seit über 150 Jahren zu, und die übliche Antwort darauf heißt spritzen. In einem feuchten Sommer fährt ein Betrieb schon mal zehnmal oder öfter durch die Zeilen. Genau hier setzen die sogenannten PIWI-Sorten an.
Was PIWI überhaupt bedeutet
PIWI ist die Abkürzung für pilzwiderstandsfähig. Dahinter stecken Kreuzungen aus klassischen europäischen Reben und Arten, die von Natur aus deutlich robuster gegen Pilzkrankheiten sind. Das Ziel ist nicht die perfekte Rebe, sondern eine, die einen nassen August übersteht, ohne dass der Traktor jede Woche raus muss.
Das Deutsche Weininstitut beziffert die Ersparnis auf bis zu 80 Prozent der Pflanzenschutzmaßnahmen. Das ist eine Obergrenze, kein Durchschnitt, und sie hängt am Jahrgang. Trotzdem bleibt der Unterschied groß genug, dass sich Betriebe damit ernsthaft beschäftigen. Weniger Fahrten bedeuten auch weniger Diesel, weniger verdichteten Boden und weniger Arbeitsstunden in einer Zeit, in der Fachkräfte im Weinberg knapp sind.
Neu ist die Idee nicht. An solchen Kreuzungen wird seit Jahrzehnten gezüchtet. Neu ist, dass die Weine daraus inzwischen etwas taugen.
Vier Prozent der deutschen Rebfläche
Die Zahlen sind überschaubar, aber die Richtung stimmt. 2025 standen in Deutschland rund 4.000 Hektar mit robusten Sorten, das entspricht etwa vier Prozent der Rebfläche. Ein Jahr zuvor waren es 3,5 Prozent. Der Zuwachs von rund zehn Prozent fällt in eine Zeit, in der die gesamte deutsche Rebfläche schrumpft. Wer neu pflanzt, pflanzt also überdurchschnittlich oft PIWI.
Am weitesten verbreitet sind Regent, Cabernet Blanc, Solaris, Souvignier Gris und Muscaris. Die Namen sagen den meisten Weintrinkern nichts, und das ist bis heute das größte Hindernis. Ein Riesling verkauft sich über den Namen. Ein Souvignier Gris muss erst einmal probiert werden.
Der Haken: die Weine müssen schmecken
Lange galten PIWI-Weine als gut gemeint. Sie waren ökologisch sauber und geschmacklich anstrengend, oft mit einem grasigen oder seifigen Ton, den man nicht wegdiskutieren konnte. Das hat sich mit den neueren Züchtungen verändert, und es lohnt sich, das an einem konkreten Beispiel anzuschauen.
Das Weingut Christian Hirsch im württembergischen Leingarten führt seine robusten Sorten unter dem Namen Grapes of Glory. Im weißen stecken 76 Prozent Souvignier Gris, dazu Sauvitage und Cabernet Blanc. Rosé und Rot bauen vor allem auf Satin Noir und Cabernet Cortis. Bei der PIWI International Wine Challenge holte der Rosé Gold und den ersten Platz in Europa, der Rote ebenfalls Gold und den ersten Platz in Deutschland, der Weiße Silber. Das sind Bewertungen innerhalb der PIWI-Szene, kein Vergleich mit Bordeaux, aber sie zeigen, wo die Kategorie inzwischen steht.
Interessant ist die Machart. Die Weine werden nicht als Öko-Statement inszeniert, sondern als normale Weine mit ordentlichem Ausbau. Der Rosé geht zu einem Viertel in vorbelegte Barriques, der Rest bleibt im Stahl. Herbizide kommen in den eigenen Weinbergen des Guts gar nicht zum Einsatz, gegen Beikraut wird mechanisch gearbeitet. Wer die Weine probieren will, findet die Grapes-of-Glory-Weine von Christian Hirsch im Handel, mehr über den Betrieb und die einzelnen Lagen steht beim Weingut selbst.
Worauf du im Regal achten kannst
PIWI-Weine sind selten als solche gekennzeichnet. Es gibt kein Siegel, das man im Supermarkt erkennt, und viele Betriebe schreiben die Sorte klein aufs Rückenetikett oder gar nicht aufs Etikett. Am ehesten findest du sie über den Sortennamen.
Merk dir vier: Souvignier Gris und Cabernet Blanc bei Weiß, Satin Noir und Cabernet Cortis bei Rot. Wenn einer davon auf der Flasche steht, hältst du einen PIWI in der Hand. Geschmacklich musst du dich auf nichts einstellen. Ein Souvignier Gris liegt irgendwo zwischen Grauburgunder und Sauvignon Blanc, ein Satin Noir bringt dunkle Frucht und Würze mit. Nichts davon schmeckt nach Verzicht.
Ob sich die Sorten durchsetzen, entscheidet nicht die Ökobilanz. Es entscheidet, ob die zweite Flasche auch gekauft wird.





